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Nicht nur bei CMS und -Komponenten - Die Qual der Wahl

Geschrieben von   admin on    Januar 23, 2010

Erschlagende Vielfalt

Wer mit dem Gedanken spielt, ein CMS einzusetzen, denkt sich vielleicht "Kein Problem! Es gibt da ja sicher irgendwas brauchbares im Open Source-Bereich" - und damit wahrscheinlich auch kostenlos. Also, wenn es denn nicht im Rahmen eines Programmierpraktikums an einer Uni entstand, etwas, was durch jemand mit viel Engagement ohne Vergütung wahrscheinlich in seiner unbezahlten Freizeit entwickelt wurde. Oder besser noch, etwas, was durch eine Entwicklergemeinschaft erstellt und gepflegt wird, so dass man nicht im Regen steht, wenn sich ein Einzelner vom Projekt verabschiedet. Fragt sich nur, was, und ggf. wo.

Aber man wird bald nicht nur in einer dieser Recherche-Orgien stecken, sondern hat auch noch das Problem der Evaluierung. Man wird sich also auf die Suche nach irgendwelchen aussagekräftigen Bewertungen machen, die Aufschluss über Schwächen und Stärken einiger in die Wahl gezogener Kandidaten geben. Wird man etwas finden? Klar. Aber mehr als einem lieb ist.

Und es gibt mal wieder das generelle Problem bei Meinungsrecherchen im Internet:

  • Oft halten sich positive und negative Stimmen die Waage.
  • Man findet jede Menge Meinungen von Leuten, die sich nicht intensiv genug mit der Materie auseinandergesetzt haben
  • Viele Meinungen, die man in Foren findet, sind nicht nur rein subjektiv, sondern erklären sich aus der Tatsache, dass dem Schreiber die Alternativen zu seinem Favoriten nicht wirklich bekannt sind. Kein Wunder, wenn man bedenkt wie viele CMS - und auch alleine PHP-CMS - es gibt. Von den darin verwendeten Komponenten ganz zu schweigen. Selbst Profis mit genügend Leidensfähigkeit, um tatsächlich dutzende der CMS incl. Zusätzen auszuprobieren, bevor sie ein Urteil fällen, werden sich kaum mit erheblicher Tiefe mit jedem einzelnen Detail auseinandersetzen können.

So resultieren Entscheidungen - nicht nur beim Thema CMS- und Komponentenwahl - oft mehr oder weniger auf der Grundlage von Gerüchten.

Was ich damit sagen will?
Nun, wenn man sich zwischen verschiedenen Textverarbeitungen entscheiden muss, dann hat man die Qual der Wahl zwischen weniger als einer Handvoll verschiedener Produkte. Mag sein, dass es insgesamt mehr gibt, aber letztendlich ist die Auswahl wirklich überschaubar. Ganz anders sieht es aber im Bereich der Content Management Systeme aus: Es gibt eine unüberschaubare Vielfalt. "Und dass soll schlecht sein?" Meiner bescheidenen Meinung nach: Ja! Man kann es sich etwas einfacher machen, indem man auf eines der am weit verbreitetsten CMS setzt. Dafür gibt es gute Gründe. Natürlich kann es sein, dass man dabei einige hervorragende CMS übersieht. "Vielfalt ist immer gut" werden einige entgegnen. Dass mag z.B. bei Berliner Kneipen gelten, die man auch nicht alle testen kann. Alleine in West-Berlin gab es in den 80ern über 6.000 davon. Selbst wenn man jeden Tag eine andere besucht, hat man bei 365 Tagen im Jahr keine Chance, sich alle - oder auch nur die, die einem zusagen könnten - anzugucken. Bei diesem Vorhaben würden Jahrzehnte vergehen. In der Zwischenzeit hätten viele neu aufgemacht und andere geschlossen. Nun könnte man einwenden, dass einen nur bestimmte Gegenden und Kneipentypen interessieren. Das schränkt die Auswahl zwar deutlich ein, ändert aber nicht grundlegend etwas: Es sind immer noch mehr als genug. Nebenbei: Im Gegensatz zu Kneipen spielt es bei Ressourcen im Internet aber grundsätzlich keine Rolle, wo sie sich befinden.

Im Laufe der letzten Jahre habe ich eine kleine Odyssee mit Open Source CMS hinter mich gebracht: u.a. Typo3, DotNetNuke, auch SilverStripe habe ich mir etwas näher angeguckt. Zum Schluss bin ich bei Joomla! 1.5.x und den Folgeversionen gelandet. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass alle anderen genannten und nicht genannten Open Source CMS unbrauchbar wären. Und ich bin mir auch durchaus bewusst, dass Joomla! auch in der Version 2.5.x nicht mackenfrei ist. Ehrlich gesagt, finde ich mittlerweile concrete5 sehr anziehend.

Jedenfalls ist die Vielfalt von Content-Management-Systemen im Open Source-Umfeld nicht nur ein Segen. Eigentlich sehe ich sogar einen Konsolidierungsbedarf. Es wäre sinnvoller, wenn sich Open Source-Autoren für eine deutlich geringere Zahl von Produkten der gleichen Sparte kümmern würden, deren Gesamtqualität im Zuge davon profitieren würde. Was für einen Sinn macht es, das Rad immer wieder neu zu erfinden? Mit der Qual der Wahl tatsächlich zu quälen?

Natürlich gilt das oben geschriebene nicht nur für CMS. Prinzipiell trifft es auf eine Vielzahl von Dingen aus dem Open Source-Bereich zu. Z.B. auf Frameworks zur Programmierung, Linux-Distributionen usw. Auch wenn das Open Source-Modell einige Vorteile hat, so gibt es auch einige Nachteile, die oft und gerne ausgeblendet werden:

  • Es gibt oft Abhängigkeiten von einzelnen Autoren, deren Aussteigen aus Projekten, bzw. die Beendigung eines oft von ihnen selbst initiierten Projekts, erst nach längerer Zeit bemerkt wird. Oft zu lesen: "Offenbar kümmert sich der Autor schon seit ... nicht mehr um ..."
  • Bei Problemen ist nicht immer gesagt, dass es einen Support gibt, selbst wenn man Geld dafür in die Hand nehmen würde.

Ich will hiermit aber nicht generell Open Source in Frage stellen oder kommerziellen Anbietern Argumentationshilfe geben. Mir geht es eher darum, anzuregen, dass man eben das Rad nicht ständig neu erfinden muss. Wenn man ein rotes Rad nicht mag, dann sollte man kein neues erfinden, sondern es meinetwegen grün streichen. Weniger Wildwuchs, dafür mehr Qualität! Statt die elfundreissigste Lösung für das gleiche Problem anzugehen, sollte man an der Verbesserung bestehender Lösungen mitarbeiten. Und anstatt das zwölfundreissigste CMS zu entwickeln, sollte man sich vielleicht erst einmal damit auseinandersetzen, wie man qualitativ bessere Software schreiben kann, Stichwort Clean Code Development (Man kann natürlich darüber streiten, ob es vielleicht zu dogmatisch ist) . Siehe auch meinen Beitrag "Heute schon vernünftig kommentiert?"

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